Das große Buch der Ruhe
Paul Wilson

Das
Leben ist der äußere Ausdruck unserer Denkgewohnheiten. Wenn man weiß, wie man
sein Denken und sein Verhalten beeinflußt, kann man auch sein Leben verändern.
Will man die Kraft der Gedanken nutzen, um positive Veränderungen in seinem
Leben zu erzielen, gilt es, neun Prinzipien zu beachten. Wir nennen sie die
neun mentalen Kräfte.
1. Die Kraft des Wählens
Eine bewußte Wahl zu
treffen, bedeutet, sich willentlich für eine Sache zu entscheiden und eine oder
mehrere Alternativen abzulehnen. Sie haben immer die Wahl und können
entscheiden, welche Richtung Sie einschlagen. Sie können Ihr Leben verändern,
wenn Sie sich dazu entschließen. Sie können vieles ändern: Ihr Denken, Ihre
Gewohnheiten, Ihre Ansichten, Ihr Verhalten, sogar Konditionierungen aus der
Kindheit. Wenn Sie das begriffen haben, sind Sie auf dem bestem Wege, Ihr Leben
zu verändern.
2. Die Kraft der Ruhe
Die größten Errungenschaften
erwachsen aus einem Zustand der mentalen Ruhe und Gelassenheit. Überall, wo
ganzheitliches Verstehen, Erinnerungsvermögen, Kreativität,
Einfühlungsvermögen, Intuition, Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen
Menschen wichtig ist, ist innere Ruhe der Schlüssel zu Erfolg.
Je mehr Sie Ihren Willen einsetzen, desto weniger erreichen Sie.
Es mag schwer fallen, das zu
akzeptieren. Aber wenn Sie ein wenig nachdenken, fallen Ihnen sicherlich einige
Beispiele ein, die diese Behauptung belegen. Geht es Ihnen nicht auch manchmal
so, daß Ihnen etwas bereits auf der Zunge liegt, Ihnen aber partout nicht
einfallen will? Auch wenn es darum geht, ein Gedicht zu schreiben oder eine
Rede zu verfassen, kommen Sie mit dem Willen alleine nicht weiter. Im
Gegenteil: Je stärker Sie es wollen, desto mehr scheint sich Ihnen das
Gewünschte zu entziehen. Wenn Sie ruhig und gelassen sind, kann sich die Kraft
des Denkens am besten entfalten. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal vor
einer Prüfung oder vor einer schwierigen beruflichen Aufgabe stehen.
3. Die Kraft der Substitution
Weil die Aufgabe der linken
Hirnhemisphäre - Analyse und verstandesmäßiges Denken - unser tägliches Leben
bestimmen und wir gelernt haben, ganz auf die Fähigkeiten des Intellektes zu
vertrauen, glauben wir, jegliches Fortkommen und jede Verbesserung sei Sache
des Willens und der intellektuellen Anstrengung. Ihre eigenen Erfahrungen
beweisen jedoch das Gegenteil. Sie können beispielsweise nicht verhindern, daß
Sie an einen gelben VW mit der Nummer sechs denken. Machen Sie jetzt den
Versuch! Zwingen Sie sich dazu, nicht an einen gelben VW mit der Nummer sechs
zu denken! Es gelingt Ihnen nicht. Es ist unmöglich.
Die einzige Möglichkeit,
einen Gedanken auszulöschen, besteht darin, ihn durch einen anderen zu
ersetzen. Dieses Prinzip funktioniert auch bei Angewohnheiten oder bestimmten
Verhaltensweisen. Man kann sie nur ablegen, indem man sie durch andere ersetzt.
Der Gedanke an den gelben VW läßt sich also dadurch vermeiden, daß Sie an etwas
anderes, an etwas Interessanteres oder Schöneres, denken. Zum Beispiel daran, was
Sie zu Abend essen werden. Vielleicht denken Sie jedoch lieber an die
sympathische Person, die Ihnen gestern Nachmittag im Supermarkt über den Weg
gelaufen ist.
Auch negative Emotionen
lassen sich auf diese Weise ausschalten. Statt lange darüber nachzugrübeln,
warum ein anderer den Job bekommen hat, sollten Sie sich ausmalen, wie herrlich
es sein wird, wenn Sie schließlich eine neue Arbeitsstelle gefunden haben.
Schlecht Angewohnheiten können Sie ablegen, indem Sie sich all die positiven
Dinge vorstellen, die Ihnen durch die negativen Angewohnheiten verwehrt sind.
Nehmen wir zum Beispiel das Rauchen: Quälen Sie sich nicht länger mit
Selbstvorwürfen und Verboten. Konzentrieren Sie sich lieber auf das, was Sie
gewinnen, wenn Sie aufs Rauchen verzichten: eine bessere Kondition, eine
stabilere Gesundheit, schönere Haut und ein neues Lebensgefühl. Und von dem
Geld, das Sie früher für Zigaretten ausgegeben haben, können Sie sich zum
Beispiel Blumen oder Bücher kaufen. Mit dem Prinzip Substitution werden Sie viel
mehr erreichen als mit dem Willen.
4. Die Kraft des Unterbewußtseins
Das Unterbewußtsein besitzt größere
Macht über Ihre Gedanken und Gefühle als Ihr Verstand oder Ihr Wille. Hat sich
im Unterbewußtsein erst einmal eine Idee festgesetzt, wird sie unverzüglich in
die Tat umgesetzt - eine Fähigkeit, die der Verstand nicht besitzt. Das
Unterbewußtsein mobilisiert die Ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen: all
Ihre geistigen Kräfte, vor allem diejenigen, von denen Sie bisher nicht einmal
wußten; all die Sinneseindrücke, die Sie jemals hatten; alles, was Sie gelernt
und wieder vergessen haben.
Nur das Unterbewußtsein weiß
um die Ihnen innewohnenden Kräfte und Kenntnisse. Es liegt an Ihnen, sich Ihrem
Unterbewußtsein zu öffnen. Es wird Ihnen bei der Verwirklichung Ihrer Pläne ein
großartiger Helfer sein. Sich dem Unterbewußtsein zu öffnen, bedeutet, den Willen
auszuschalten. Damit das Unterbewußtsein Arbeit leisten kann, sollten Sie
zusätzlich wenigstens eine der drei folgenden Kräfte, die das Unterbewußtsein
nachhaltig beeinflussen, bemühen: Emotion, Wiederholung oder Imagination.
5. Die Kraft der Emotion
Seit mehr als 2500 Jahren
rühmt man die so genannte “höheren” Verstandesqualitäten Vernunft und Intellekt
sowie Schreib- und Sprachgewandheit. Die “niederen” Qualitäten wie Gefühle,
Imagination und Intuition werden als weniger wichtig erachtet. Zu Unrecht, wie
ich meine. Wie wenig nützlich ist akademisches Wissen doch, wenn es darum geht,
im persönlichen Leben etwas zum Positiven zu verändern. Machen wir nicht alle
die Erfahrung, daß unser Gefühl oft ein besserer Ratgeber ist als der Verstand?
All das Wissen zwischen den
Buchdeckeln kann uns nicht so viel bedeuten wie das winzigste Körnchen Wissen,
das wir mit einem persönlichen Erlebnis oder einem starken Gefühl verbinden.
Gefühle bewegen im individuellen Leben mehr als Wissen; das ist schon durch die
Herkunft der Wörter Emotion und Motivation belegt. Stammen sie doch beide vom
lateinischen „movere“ ab, was „bewegen“ heißt. Fragen Sie Politiker oder
erfolgreiche Verkäufer! Die wissen um die Macht der Emotion. Vor allem erstere
bewegen damit Massen.
6. Die Kraft der Imagination
Mit Hilfe der Imagination
oder Vorstellungskraft kann das Unterbewußtsein stark beeinflußt werden. Auch
Emotionen lassen sich durch die Kraft der Bilder, die vor unserem geistigen
Auge auftauchen, hervorrufen oder verstärken. Durch die Fähigkeit, sich eine
Vorstellung, ein Bild zu machen, wird die Imagination zum wichtigsten Werkzeug
des Unterbewußtseins.
Eine lebhafte Vorstellungskraft hat Macht über den ganzen Körper.
(Aristoteles)
Angenommen, Sie haben vor,
in einer seichten Lagune schwimmen zu gehen, sind sich aber nicht sicher, ob es
dort Haie gibt. Also holen Sie alle nur erdenklichen Informationen ein.
Schließlich haben Sie es schwarz auf weiß, daß es in der Lagune keine Haie
gibt. Doch ich garantiere Ihnen: Sie setzen keinen Fuß ins Wasser, wenn ich
Ihnen auch nur eine einzige Geschichte über einen Haiangriff erzähle oder wenn
Sie die Titelmusik des Films Der Weiße Hai hören.
Fakten und Forschungsergebnisse beeinflußen unsere Gefühlswelt
bei weitem nicht so sehr wie die Bilder, die wir uns von etwas machen.
Auch wenn es darum geht, das
eigene Leben zu verändern, spielen Gefühle eine größere Rolle als das Wissen.
Und das ist gut so! Wissen basiert stets auf der Vergangenheit. Es entspringt
niemals dem Hier und Jetzt und schon gar nicht der Zukunft. Die Imagination
entspringt immer dem Hier und Jetzt und taucht ein in die Zukunft.
7. Die Kraft der Wiederholung
Worte, die wiederholt
ausgesprochen werden, prägen das Bewußtsein und das Gefühlsleben. Dabei ist es
unerheblich , ob laut oder leise gesprochen wird. Das Prinzip der Wiederholung
wird deshalb erfolgreich in der Erziehung, psychologischen Praxis und in der
Selbsthilfe angewandt. Wenn Sie einen Satz mehrmals wiederholen, geht sein
Inhalt in Ihr Unterbewußtsein ein. Die Botschaft der Worte durchdringt Ihr
Denken und Tun allmählich. Dieser Vorgang vollzieht sich tagtäglich, ohne daß
wir uns dessen bewußt sind. Man nennt es Selbstgespräch, innerer Dialog oder
Affirmation.
Affirmationen funktionieren
sowohl im positiven als auch im negativen Sinn: “Das schaffe ich nie!”, “Ich
kann Bügeln nicht leiden!”, “Die Arbeit langweilt mich!”. Mit solchen
Äußerungen sorgt man dafür, daß Bügeln immer eine unbeliebte Tätigkeit und die
Arbeit tatsächlich langweilig bleibt. Glücklicherweise klappt es umgekehrt
genauso. “Das schaffe ich mit links!”, “Bügeln macht Spaß!”, “Ich bin so froh,
daß ich eine Arbeit habe, die mich ausfüllt!”. Positive Formulierungen sorgen
dafür, daß man eine positive Einstellung zu den Dingen bekommt. Wer positiv
denkt, zieht auch Positives an.
Intellektuell orientierte
Menschen zögern oft, Affirmationen als wichtige psychologische Hilfsmittel
anzuerkennen. Sie halten sie statt dessen für eine Erfindung von Esoterik-Gurus
und tun das Ganze als Wunschdenken ab. Doch das ist falsch. Affirmation
funktioniert nach dem gleichen Muster wie Lernen und Üben. Auch wenn Sie immer
wieder dieselben Instruktionen von jemandem, beispielsweise einem Lehrer,
bekommen, läuft es nach demselben Muster ab. Wenn ein Schüler ständig hört, wie
gut oder schlecht, brav oder frech, liebenswert oder böse er ist, wird er es
mit der Zeit wirklich. das ist die Kraft der Wiederholung.
8. Die Kraft des Fokussierens
Nehmen wir einmal an Ihr Knöchel schmerzt. Wenn Sie sich auf den Schmerz konzentrieren, wird er stärker; wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit jedoch auf etwas anderes lenken, zum Beispiel auf den Spielfilm im Fernsehen, läßt der Schmerz nach. Täglich, stündlich, ja in jeder Minute und in jedem Augenblick geschehen um uns herum unzählige Dinge. Aber es ist uns nicht möglich, mehr als einigen wenigen Dingen oder Gedanken besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Auf diese Weise schaffen wir uns unsere selektive, individuelle Realität.
Wie subjektiv der Begriff
„Realität“ ist, kann an simplen Beispielen gezeigt werden. Sie kennen die
Situation: sie sind auf einer Party und langweilen sich schrecklich. Ihr
Nachbar hingegen amüsiert sich königlich; dieselbe Party, aber eine andere
Realität. Sich machen mit Freunden einen Ausflug an einen See. Während Ihnen
die Flora überhaupt nicht aufgefallen ist, weil Sie ständig mit Surfen und
Schwimmen beschäftigt waren, schwärmt einer der Beteiligten noch Wochen später
davon; Derselbe Ausflug, aber eine andere Realität.
Auch die Naturwissenschaft
geht mittlerweile von einem subjektiven Realitätsbegriff aus. “Nichts ist
wirklich, außer man richtet seine Aufmerksamkeit darauf.” Aus diesem Grund
machen Geschäftsleute, wenn sie sich dauernd die negativen Wirtschaftsmeldungen
der Medien zu Gemüte führen, Verluste. Radsportler verlieren Rennen, weil sie
sich auf das scheinbar ungünstige Design ihres Fahrrads konzentrieren. Wenn man
ausschließlich schlechte und mittelmäßige Dinge beachtet, wird man über
Mittelmäßigkeit nicht hinauskommen. Konzentriert man sich hingegen auf die
guten Dinge im Leben, wird einem auch Gutes wiederfahren.
Das Ziel Ihrer
Aufmerksamkeit bestimmt Ihre Wirklichkeit. Wenn Sie das verstanden haben, sind
Sie in der Lage, Ihr Leben zu verändern. Sind Sie mit der Wirklichkeit, die Sie
vorfinden, nicht mehr zufrieden? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Dinge,
die Ihnen erstrebenswert erscheinen und Sie werden zufriedener sein.
9. Die Kraft des Hier und Jetzt
Vorausblickend zu denken und
sich mit Zukunftsfragen auseinander zu setzen, ist eine einzigartige
menschliche Fähigkeit. Sie ist wichtig für kreatives Handeln, für Wettbewerbsfähigkeit
und um das Überleben zu sichern. Ein Garant für Glück und ein erfülltes Leben
ist diese Fähigkeit allerdings nicht. Im Gegenteil: Sie ist auch die Ursache
für Sorgen und Ängste.
Unbeschwert glücklich zu
sein, selbstvergessen den Augenblick zu genießen - das sind Eigenschaften, die
wir hauptsächlich mit Tieren und kleinen Kindern assoziieren. Wir alle wissen,
daß kleine Kinder mit Leib und Seele bei einer Sache sind. Sie interessieren
sich für ein noch so unscheinbares Objekt, den Grashalm, der am Straßenrand
wächst, den winzigen Kieselstein auf dem Weg, das kleine Insekt auf einem Blatt
oder das Stückchen Papier, da Sie soeben wegwerfen wollten. Kleine Kinder sind
eins mit ihrem Tun. Sie denken nicht an die Zukunft, denken nicht daran, was
sie morgen tun müssen, daß sie sich verspäten, wenn sie sich nicht bald vom
Gegenstand ihres Interesses lösen, auch nicht daran, daß sie vielleicht einen
Sonnenbrand bekommen.
Auch Sie könnten so
unbeschwert und losgelöst sein. Es mag Ihnen nicht bewußt sein, aber es kostet
Kraft und Nerven, nicht “bei der Sache” zu sein, die Aufmerksamkeit ständig zu
teilen. Im Gegensatz dazu ist es beruhigend, erfüllend und effizient, sich mit
ungeteilter Aufmerksamkeit ausschließlich einer Sache zu widmen. Sich
hingebungsvoll mit einer Aufgabe oder einem Hobby zu beschäftigen, ganz im Tun
aufzugehen, erzeugt einen ähnlichen Zustand wie das Meditieren. Ihre
Aufmerksamkeit ist gebündelt, ihr Geist auf eine Sache konzentriert, störende
Gedanken verschwinden, Sie sind entspannt und achtsam zugleich. Sie sind ganz
bei sich, in Ihrer Mitte.
Im Hier und Jetzt ist kein
Raum für Wissen (Vergangenheit), Imagination (Zukunft), Bedauern
(Vergangenheit) oder Sorgen (Zukunft). Das Hier und Jetzt kann nicht
analysiert, es kann nur erfahren werden. Geben Sie sich ganz dem Hier und Jetzt
hin und ihr Leben erfährt eine Bereicherung. Sich dem Augenblick hinzugeben und
sich einer Sache ganz zu öffnen, ist ein unvergleichliches Erlebnis. Es macht
Sie stark und gelassen. Die neun mentalen Kräfte sind der Schlüssel zu mehr
Erfolg. Sie können damit ihr Leben verändern, ja sogar Erleuchtung erlangen.
Die neun mentalen Kräfte verhelfen Ihnen zu vollkommener innerer Ruhe, zu mehr
Selbstsicherheit und Kontrolle.
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